Das heutige Stift Melk blickt auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurück. Durch strategisch geplante politische Schritte in der Historie des Ortes konnte sich das Stift Melk über die Jahrhunderte als Kulturbewahrer behaupten.

Migration, Fremdsein, Anderssein, Differance und gesellschaftliche Ausgrenzung sind die Jahresthemen für 2014 im Stift Melk. Diese Themen werden aufgegriffen, weil der Schutzpatron des Stiftes, der Heilige Koloman, der im Jahr 1014 in Melk bestattet wurde, selbst Opfer eines Gewaltaktes aufgrund seiner fremdländischen Abstammung wurde. Anlässlich des befürchteten Weltuntergangs um die damalige Jahrtausendwende begaben sich viele begüterte Menschen auf Pilgerreise nach Jerusalem, darunter auch der angebliche irische Königssohn Koloman. Auf der Durchreise 1012 wurde er jedoch als vermeintlicher Spion gefangengenommen, gefoltert und hingerichtet. Gemeinsam mit zwei Mördern wurde er auf einem dürren Holunderstrauch gehängt. Die Legende besagt, dass die Leichname der Mörder verwesten, jener Kolomans nicht, und der Strauch blühte gar wieder auf. Weitere Wunder folgten, und 1014 wurde der Verstorbene von den herrschenden Babenbergern in ihre Burg nach Melk verlegt und die weltliche Macht wurde durch die Bedeutung des Heiligen ausgebaut. Die Benediktiner wurden gerufen und die Reliquien blieben in Melk bis heute.

Das Stift Melk, günstig auf einem Felsen über der Donau am Eingang zur Wachau gelegen, war über die Jahrhunderte hinweg immer Point of Passage, ein Ort des Übergangs: als geistiges Zentrum und Grablege der Babenberger, als Kulturerhalter und Sammlungsort der Wissenschaft, als Auftraggeber der jeweiligen zeitgenössischen Kunst, als Ort der Auseinandersetzung mit Religion und Zufluchtsort während der Kriege, und als eine der ältesten Schulen im deutschen Sprachraum. Heute bietet es als Durchzugsort für bis zu 700.0000 Besucher pro Jahr einen Höhepunkt in der Kulturlandschaft Österreichs.

Die Arbeiten, die im Rahmen des Programms von Points of Passage nun im Stift Melk präsentiert werden, reichen von Bildender Kunst, Film und Tanz bis zu Literatur. Die eingeladenen Künstler können an der Geschichte des Stiftes direkt anknüpfen und ihre jeweiligen Points of Passage im Sinne eines Eingriffes in das bestehende System, einer Intervention, dabei selbst definieren. Die Sogwirkung des Stiftes auf sein Umfeld ist historisch und geografisch ungebrochen. Es ist ein Ort, an dem die Vergangenheit erfassbar wird – darunter auch zahlreiche Vorkommnisse, die zu historischen Fakten erhärtet wurden – und der sich dennoch, oder gerade deshalb, mit einer ausgeprägten Aktualität Themen unserer modernen Zeit widmet. Sowohl der Rückgriff auf Historisches als auch der Blick auf identitätsstiftende Momente in der Gegenwart bilden den Ausgangspunkt für Points of Passage.

Stift Melk Points of Passage